Deutsche Rechtschreibung

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Organisation der Rechtschreibung

Die deutsche Rechtschreibung wurde nicht institutionell festgelegt, sondern hat sich über mehrere Jahrhunderte entwickelt. Trotz dieser Entwicklungsgeschichte ist die deutsche Rechtschreibung keineswegs ein ungeordnetes Konvolut an Einzelfestlegungen, sondern organisiert sich auf drei Ebenen. Aus der konkreten Sprachverwendung können Rückschlüsse auf die Grundkonzepte der deutschen Rechtschreibung gezogen werden. Diese Grundkonzepte bilden als unterste und wichtigste Ebene die Basis der deutschen Orthografie und werden als Prinzipien bezeichnet. Trotz ihrer zentralen Stellung kann von einem Prinzip zumeist nicht direkt auf die konkrete Schreibung geschlossen werden. Häufig stehen die Grundkonzepte der deutschen Rechtschreibung auch in direkter Konkurrenz zueinander. Daher werden die Prinzipien durch Regeln unterstützt. Die Regeln bilden damit die zweite Ebene der deutschen Rechtschreibung. Sie legen die Anwendungsarten der Prinzipien fest und klären die richtige Schreibweise in Fällen von Prinzipienkonkurrenz und -überschneidung. Da die deutsche Orthografie ein historisch gewachsenes Konstrukt ist, können in einzelnen Bereichen die Schreibungen von den allgemeinen Regeln abweichen. Auf der dritten Ebene geben daher Einzelfestlegungen in diesem Fall die richtige Schreibung vor. Sie gelten als "Mini-Regel" lediglich für ein Wort und sind an die Prinzipien gebunden.[1]

Prinzipien

→ Hauptartikel: Prinzip (Orthografie)

Die Prinzipien sind die allgemeinen Grundkonzepte der Schreibung. Sie sind eine Rekonstruktion aus den Rechtschreibnormen und der Rechtschreibpraxis. Die genaue Anzahl der Prinzipien ist strittig. Es werden der Rechtschreibung des Deutschen mit Blick auf den Beschreibungsansatz folgende Prinzipien zugrunde gelegt:[2]

"Schreibe, wie du sprichst!"

Das Lautprinzip besagt, dass gesprochene und geschriebene Sprache systematisch aufeinander bezogen werden können.[1]

"Schreibe Gleiches möglichst gleich!"[1]

Das Stammprinzip wird häufig auch als Prinzip der Schemakonstanz bezeichnet. Es besagt, dass das Lesen erleichtert wird, wenn man verwandte Wörter und Wortformen möglichst gleich schreibt. Der Grund dafür ist, dass wir beim Lesen nicht Buchstaben um Buchstaben erfassen, sondern größere Einheiten, wie zum Beispiel Wortteile oder ganze Wortformen. Die Bezeichnung Stammprinzip weist darauf hin, dass bei der Wortschreibung vor allem der Wortstamm betroffen ist.[3]

"Mach den grammatischen Aufbau deines Textes deutlich!"[1]

Das grammatische Prinzip dient dazu, Texte lesbarer zu machen. Dafür können Texte nach grammatischen Gesichtspunkten gegliedert und bestimmte Wörter im Text besonders gekennzeichnet werden.[4]

"Hebe für den Leser wichtige Textstellen hervor!"[1]

Das semantisch-pragmatische Prinzip sagt aus, dass Teile von Texten nach inhaltlichen (semantischen) und kommunikativen (pragmatischen) Gesichtspunkten gegliedert und mit geeigneten Mitteln besonders gekennzeichnet werden.[5]

"Schreibe Ungleiches ungleich!"[1]

Das Homonymieprinzip betrifft Wörter, welche die gleiche Form besitzen, aber eine unterschiedliche Bedeutung haben.[6]

"Vermeide verwirrende Schriftbilder!"[1]

Das ästhetische Prinzip setzt die anderen aufgeführten Prinzipien voraus und regelt ihr Nebeneinander. Es ist damit eine Art Reparaturprinzip. Durch die konsequente Anwendung der vorgenannten Prinzipien entstehen verwirrende Schriftbilder, welche den Lesevorgang erschweren. Dies soll mithilfe des ästhetischen Prinzips wieder ausgeglichen werden.[7]

Regeln

→ Hauptartikel: Regel (Orthografie)

Eine Regel gibt die Anwendung von Prinzipien vor, indem sie Schreibenden konkrete Handlungsanweisungen vermittelt. Es gibt wesentlich mehr Regeln als Prinzipien, sodass sie (ohne dass weitere Hilfsmittel nötig wären) auch Problemfälle eindeutig lösen können.[1]

Echte und unechte Regeln

Für echte Rechtschreibregeln gilt im Wesentlichen, dass sie eine allgemeine Anweisung zum richtigen Schreiben ausmachen. Diese Anweisung ist dabei so klar, dass keine zusätzlichen Hilfsmittel benutzt werden müssen. Die Regel bezieht sich dabei nicht nur auf eine einmalige Rechtschreiberscheinung, sondern deckt einen größeren Bereich der Orthografie mit all seinen Einzelfällen ab. Regeln, die diesen Merkmalen entsprechen, werden als echte Rechtschreibregeln bezeichnet.[8]
Im Gegensatz dazu zeichnen sich unechte Rechtschreibregeln dadurch aus, dass sie nicht allgemein gültig sind, sondern dieser Eigenschaft höchstens nahekommen. Sie können ohne die Nutzung eines Wörterbuchs oder ähnlicher Hilfsmittel nicht angewendet werden, da sie keine allgemeine Verbindlichkeit aufweisen. Unechte Regeln können deshalb als Einzelfestlegungen verstanden werden.[9]

Grund- und Unterregeln

Echte und unechte Regeln unterscheiden sich in Grund- und Unterregeln. Die Grundregel steht für die Regel im eigentlichen Sinne, welche die Anwendung bestimmter Prinzipien vorschreibt. Gilt diese Regel nicht allumfassend, so muss eine Unterregel aufgestellt werden. Eine Unterregel bezieht sich auf jenen Bereich der Orthografie, der von der Grundregel unberührt bleibt. Eine solche (echte) Unterregel gilt als Ausnahme oder Einschränkung einer Regel.[9]
Die Anwendung einer Ausnahme erfolgt dann, wenn die in der Unterregel vorgegebenen Umstände eintreten. Treten diese Umstände nicht ein, darf die Unterregel nicht zum Einsatz kommen und es gilt die Grundregel.[10]
Aus diesem Grund dürfen Grund- und Unterregeln nie voneinander getrennt werden: Sie verhalten sich als Einheit „wie eine einfache echte Regel.“[10]
Manchen Grundregeln sind mehrere Unterregeln zugeordnet, was als Regelkomplex bezeichnet wird. Durch diese Vielzahl an Rechtschreibvorgaben kann es auch zur Regelüberlagerung kommen.[10]

Offene und geschlossene Listen

Sobald keine genauen Bedingungen für den Einsatz einer Unterregel benannt werden können, wird statt einer Unterregel eine Liste genutzt. In dieser Liste sind die Sonderschreibungen verzeichnet. Sie dient als Ersatz für die Unterregel.[10]
Es gibt sowohl offene als auch geschlossene Listen. Eine geschlossene Liste benennt alle Formen abweichender Schreibung von der jeweiligen Regel. Eine offene Liste benennt nur einige Beispiele dieser abweichenden Schreibung und kann durch weitere Beispiele ergänzt werden.[10] Um die Ausnahmen, die die Listen enthalten, richtig zu schreiben, müssen sie auswendig gelernt werden.
Werden eine Grundregel und eine geschlossene Liste miteinander kombiniert, verhalten sie sich wie eine echte Regel. Wer diese Regel und die Ausnahmefälle der geschlossenen Liste kennt, benötigt beim Schreiben kein Wörterbuch oder ein anderes Hilfsmittel, um zur richtigen Schreibung zu gelangen.[10] Wird eine Regel hingegen mit einer offenen Liste kombiniert, ergeben sie zusammen eine unechte Regel. Die schreibende Person ist also gezwungen, Hilfsmittel zu nutzen, wenn sie sich bei der richtigen Schreibung sicher sein will.
Bei Regeln, die von der schreibenden Person nicht ohne Weiteres verstanden werden können, ist es üblich, eine Liste mit prototypischen Beispielen an die Regel anzuhängen. Die Beispiele dienen hier nicht als Unterregeln, sondern als Erläuterung für die Regel selbst.[11]

Regelkomplexe

Stehen mehrere Regeln in einem Zusammenhang, bilden sie einen Regelkomplex. Ein Regelkomplex kann aus Grundregeln, Unterregeln und ggf. Unter-Unterregeln sowie Listen bestehen.[11] Seit der Rechtschreibreform von 1996 wurde daran gearbeitet, Regelkomplexe übersichtlicher zu gestalten. Seitdem wird auf das Einbeziehen von unechten Unterregeln und offenen Listen verzichtet.[12]

Voraussetzungen für die Anwendung von Regeln

Um Rechtschreibregeln korrekt anzuwenden, ist sprachspezifisches grammatisches Wissen nötig, das die Regeln nicht vermitteln. Sprachspezifisches Wissen – dazu zählt neben grammatischem Wissen auch lexikalisches Wissen sowie pragmatisches Wissen – zeichnet sich dadurch aus, dass wir dieses Wissen erworben haben und anwenden, jedoch nicht explizit angeben können.
Wie viel grammatisches Wissen zur korrekten Anwendung der Regeln nötig ist, hängt von der jeweiligen Regel ab. Um die meisten Regeln verstehen und anwenden zu können, ist kaum grammatisches Wissen nötig. Ausnahmen stellen Regeln dar, die sich auf Begriffe beziehen, die durch grammatisches Wissen nicht geklärt werden können. Sagt eine Regel beispielsweise aus, dass bei nominalisierten Infinitiven auf Großschreibung geachtet werden muss, brauchen die Personen, die auf diese Regel zurückgreifen möchten, Informationen darüber, wie sich nominalisierte Infinitive erkennen lassen. Dann ist eine erklärende Ergänzung der Regel nötig, bspw. in Form eines Kommentars, Indizienkatalogs oder durch eine offene Liste.[13]
Der Gebrauch offener Listen erfolgt in der Praxis jedoch kaum. Stattdessen greifen die Nutzer*innen auf ihr individuelles Weltwissen, das sowohl allgemeines als auch bereichsspezifisches Wissen umfasst, zurück und versuchen, die Rechtschreibproblematik auf diesem Weg zu lösen. Ein Beispiel hierfür ist die Frage, wann ein Adjektiv ein Eigenname ist. Anstatt eine offene Listen zu nutzen, werden anhand von Weltwissen bereit bekannte Eigennamen ermittelt und anschließend analysiert, ob es sich im Vergleich zu den bereits bekannten Eigennamen bei dem spezifischen Adjektiv auch um einen Einzelnamen handelt oder ob dies nicht der Fall ist.[14]

Faustregeln

Eine Faustregel gibt den ganzen Umfang eines Rechtschreibbereichs nur in Ausschnitten wieder. Sie ist eine Vereinfachung von Regeln und gilt als unechte Regel. Bei der Benutzung von Faustregeln muss man sie als solche kennzeichnen und bestenfalls eine Trefferquote der Faustregel angeben.[15]
Echte Regeln müssen, da sie eine Trefferquote von 100 % aufweisen, auch seltene Einzelfälle und Phänomene in der Schreibung mit einschließen. Faustregeln sehen dagegen von komplizierten Einzelfällen ab. Die schreibende Person muss sich deshalb darüber im Klaren sein, dass das Beherrschen einer Faustregel nicht automatisch zu einer korrekten Rechtschreibung führt. Dennoch können sie beim Erlernen und Festigen der Rechtschreibung helfen.[15]

Regelüberlagerungen

Die Regelüberlagerung bzw. Regelüberlappung tritt auf, wenn mindestens zwei eigenständige Regeln, die nicht voneinander abhängen, auf dieselbe Rechtschreibproblematik anwendbar sind. Eine Überlappung ist jedoch nicht mit Regelkomplexen zu verwechseln: Bei einem Regelkomplex gelten die Regeln zwar auch für denselben Bereich der Rechtschreibung, sind jedoch einander zugeordnet.[16]

Einzelfestlegungen

→ Hauptartikel: Einzelfestlegung (Orthografie)

Eine Einzelfestlegung kommt in den Bereichen zum Einsatz, in denen keine allgemeinen Regeln vorhanden sind. Die Schreibung wird dann mithilfe von Einzelfestlegungen für jeden Fall einzeln festgelegt.[17]
Dennoch wird versucht, die Rechtschreibung weitestgehend mit verbindlichen Regeln abzudecken und Einzelfestlegungen auf ein Minimum zu reduzieren.[18]
Einzelfestlegungen treten vor allem in Bereichen auf, in denen zwei Prinzipien konkurrieren und sich nicht klar voneinander abgrenzen lassen. Im jeweiligen Lemma-Eintrag des Rechtschreibduden wird in diesem Fall indirekt das jeweils geltende Prinzip zugeordnet.[19]

Siehe auch

Literatur

  • Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich.
  • Rat für Deutsche Rechtschreibung (2006) : Deutsche Rechtschreibung. Tübingen: Narr.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 38.
  2. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 37.
  3. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 39.
  4. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 41.
  5. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 42.
  6. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 43.
  7. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 44.
  8. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 49.
  9. 9,0 9,1 Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 50.
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 10,5 Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 51.
  11. 11,0 11,1 Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 53.
  12. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 54 f.
  13. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 55.
  14. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 56.
  15. 15,0 15,1 Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 57.
  16. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 58.
  17. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 38-39
  18. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 62.
  19. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 61-62.