Orthografie

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Unter Orthografie (alternative Schreibweise Orthographie; von lateinisch orthographia aus altgriechisch ὀρθογραφία orthographía, zu ὀρθός orthós ‚richtig‘ und γράφειν gráphein ‚schreiben‘[1]) oder Rechtschreibung versteht man sowohl (1) die Gesamtheit der Normen bzw. Konventionen zur systematischen und einheitlichen Verschriftung einer Sprache[2][3] einschließlich der Interpunktion[4] als auch (2) ein Unterrichtsfach[2] oder einen Unterrichtsgegenstand, bei dem ein System nach (1) gelehrt wird.

Daneben wird der Begriff auch verwendet, um (3) im Gegensatz zu (1) nur die Wortschreibung zu bezeichnen und sie der Interpunktion gegenüberzustellen.[4] Orthografie ist ferner (4) die Wissenschaft, die sich mit der Konventionalisierung und Kodifizierung von Schriftsystemen beschäftigt.[4] Zudem werden auch (5) Nachschlagewerke, Ratgeber und Kompendien wie orthografische Wörterbücher, Regeldarstellungen und Lehrmittel als Orthografie bezeichnet (auch „Rechtschreibung“, „Rechtschreibbuch“).[2]

Wortgeschichte

Die Entlehnung Orthographie aus lateinisch orthographia ist für das Deutsche seit dem 15. Jahrhundert belegt.[1] Die Bezeichnung wurde wahrscheinlich bereits im Altgriechischen als ὀρθογραφία orthographía gleichbedeutend verwendet, worauf der Titel περὶ ὀρθογραφίας perí orthographíās ‚Über die Rechtschreibung‘ des griechischen Grammatikers Herodian hinweist.[1][5] Dieses altgriechische Wort ist eine Nominalableitung zu ὀρθογράφος orthográphos ‚richtig schreibend‘, das selbst wiederum aus ὀρθός orthós ‚richtig‘ und γράφειν gráphein ‚schreiben‘ gebildet ist.[1] Im Spätlateinischen findet sich eine Fortsetzung als orthographus.[5] Die deutsche Adjektivableitung orthographisch bzw. orthografisch ‚die Orthografie betreffend‘, ‚auf der Orthografie beruhend‘ ist seit dem 16. Jahrhundert belegt.[5]

Bei der synonym gebrauchten Bezeichnung Rechtschreibung handelt es sich um eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen,[2] die seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bezeugt ist[6] und sich im 17. Jahrhundert im deutschen Sprachraum etablierte.[7] Eine vergleichbare Übersetzung des spätlateinischen orthographus ist jedoch schon eine ganze Zeit früher mit der spätalthochdeutschen Variante rehtscrībāri ‚der richtig schreibt‘ zu finden.[6] Sie ist dokumentiert durch eine Glossierung in einer Realenzyklopädie des 11. Jahrhunderts, dem „Summarium Heinrici“,[7] in einer Handschrift des 12. Jahrhunderts.[6]

Die Schreibvariante Orthografie wurde mit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996/2006 eingeführt[8] und ist die heute empfohlene Schreibung des Dudenverlags.[9]

Definitionen

Zwar liegen die einzelnen Verwendungsweisen des Begriffs Orthografie bzw. Rechtschreibung eng beieinander, doch müssen beim Gebrauch mitunter gewisse Bedeutungsunterschiede oder -nuancen beachtet werden.

Gesamtsystem von Verschriftungsregeln

In einer allgemeinen und weit gefassten Bedeutung meint Orthografie das gesamte System der Regeln, die für die Verschriftung einer Sprache gelten, wozu dann auch die Interpunktion gezählt wird.[4] Diese Regeln müssen nicht zwangsläufig kodifiziert oder gar amtlich normiert sein, wie es heute zum Beispiel mit dem amtlichen Regelwerk für die Deutsche Rechtschreibung im öffentlichen Bereich der Fall ist. Zumeist sind aber wenigstens einigermaßen konventionalisierte Systeme gemeint, also solche, an denen sich Gruppen von Schreibenden mehr oder weniger stark orientieren. So haben sich etwa die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts genauso wie Literaturschaffende bereits nach zahlreichen Konventionen gerichtet, noch bevor offizielle Regeln durch die Orthographischen Konferenzen von 1876 und 1901 kodifiziert wurden.[10][3]

Man kann in vergleichbarem Sinn ebenfalls von einer Orthografie sprechen, wenn man nur die regelmäßigen Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten einzelner Schreiber meint, denkt man zum Beispiel an mittelalterliche Handschriften ein und desselben Verfassers oder einer bestimmten Region. Daran wird besonders deutlich, dass der Begriff gar nicht unbedingt auf fixierte linguistische oder didaktische Regeln abzielen muss. Er kann sich auch auf das System im Kopf des kompetenten Schreibers beziehen, das dessen orthografisches Vermögen bedingt und das sich sogar von konkret formulierbaren Regeln unterscheiden mag.[4] Man könnte dieses System auch die innere oder abstrahierte Orthografie des Schreibers nennen.

Unterrichtsfach oder -gegenstand

Lese- und Schreibfähigkeit werden zu großen Teilen im Schulunterricht erworben. Entsprechend ist auch die Orthografie im Sinne des Gesamtsystems von Verschriftungsregeln ein Unterrichtsgegenstand und der Begriff selbst kann diesen Gegenstand oder ein Fach bezeichnen.

Daneben sind auch die weiteren Definitionen durchaus in einer solchen Übertragung wiederzufinden: Eine Veranstaltung „Orthografie“ kann sich in der Hochschullehre zum Beispiel mit der Wissenschaft beschäftigen.

Regeln zur Wortschreibung (ohne Interpunktion)

Mitunter bezieht sich der Begriff Orthografie nur auf die Wortschreibung und steht damit neben der Interpunktion.[4] Wenn man von „Rechtschreibung und Zeichensetzung“ spricht, liegt diese Bedeutung zugrunde.

Orthografie als Wissenschaft

Neben dem Regelsystem als Phänomen ist Orthografie auch die Lehre von diesem System und die Wissenschaft, die es erforscht.[4][3]

Orthografie als Wissenschaft untersucht vor allem die Entstehung und Entwicklung orthografischer Systeme und deren Organisation, die Beziehungen der Regeln zu allen anderen Bereichen menschlicher Sprachfähigkeit sowie den realen Schreibgebrauch mit seinen vielfältigen Besonderheiten und Veränderungen. Sie ist damit ein Teilbereich der Sprachwissenschaft, der Übergänge zu nah verwandten Disziplinen wie der Rechtschreibdidaktik kennt. Denn der Forschungsbereich berührt auch Fragen rund um den Schriftspracherwerb und den Spracherwerb im Allgemeinen. Orthografische Themen gehören zum größeren Gebiet der Schriftlinguistik und mitunter zur Schreibwissenschaft. Auch die historische Linguistik interessiert sich zum Teil für die Orthografie – ebenso wie mitunter die Paläographie. Für die forensische Linguistik ist die Orthografie insbesondere dann wichtig, wenn individuelle Normabweichungen dazu beitragen können, den Verfasser eines Texts zu identifizieren.

Bezeichnung von Werken

Die Bezeichnung Orthografie kann sich manchmal auf Werke wie Bücher („Rechtschreibbuch“) beziehen.[2] Damit können Wörterbücher wie der Rechtschreibduden, aber auch Ratgeber und Regelsammlungen oder Lehrbücher wie Schulbücher gemeint sein.

Beispiele:

  • „Um diese Frage beantworten zu können, muss ich erst in meiner Orthografie nachschlagen.“
  • „Nehmt eure Orthografien heraus und geht zu den Kommaregeln.“

Siehe auch

Literatur

  • Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich.
  • Haarmann, Harald (2017): Geschichte der Schrift. 5., durchgesehene Auflage. München: Beck.
  • Nerius, Dieter (2007): Deutsche Orthographie. 4., neu bearbeitete Auflage. Hildesheim [u. a.]: Georg Olms.
  • Thomé, Günther (2019): Deutsche Orthographie: historisch, systematisch, didaktisch. 2., verbesserte Auflage. Oldenburg: Institut für sprachliche Bildung.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Kluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin, New York: de Gruyter. S. 671. (Stichwort: „Orthographie“.)
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Dudenredaktion (2019) (Hrsg.): Duden – Deutsches Universalwörterbuch. Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. 9., überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Dudenverlag Bibliographisches Institut. S. 1454. (Stichwort: „Rechtschreibung“.)
  3. 3,0 3,1 3,2 Bußmann, Hadumod (2002) (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kröner. S. 552. (Stichwort: „Rechtschreibung“.)
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 4,6 Glück, Helmut (2010) (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler. S. 480 f. (Stichwort: „Orthographie“.)
  5. 5,0 5,1 5,2 Orthografie. dwds.de, abgerufen am 14. Oktober 2019.
  6. 6,0 6,1 6,2 Rechtschreibung. dwds.de, abgerufen am 14. Oktober 2019.
  7. 7,0 7,1 Lasselsberger, Anna Maria (2000): Die Kodifizierung der Orthographie im Rechtschreibwörterbuch. Eine Untersuchung zur Rechtschreibung im „Duden“ und im „Österreichischen Wörterbuch“. Tübingen: Niemeyer (= Reihe Germanistische Linguistik, 217). S. 3.
  8. „Beispiele zur neuen Rechtschreibung“. duden.de, abgerufen am 14. Oktober 2019.
  9. „Orthografie“. duden.de, abgerufen am 14. Oktober 2019.
  10. Gallmann, Peter / Sitta, Horst (1996): Handbuch Rechtschreiben. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich. S. 13 ff.